Folge der MOSAIC expedition

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Mo 27. Jan 2020, 17:30

Tag 130 – Montag 27. Januar 2020 - 4.580 km - -33,2 °C - Position N87°26 E95°49 - Quelle

Wenn sich ein Riss in unserer Eisscholle auftut, verschwindet das Eis natürlich nicht einfach, sondern taucht an anderer
Stelle wieder auf. Wir nennen diesen Vorgang Umverteilung. So haben die Bildung und das erneute Zusammenschieben von
Spalten in den letzten Tagen dazu geführt, dass sich neue Rücken aufgetürmt haben. Eine Folgeerscheinung: Vorherige
Wege können in einer Wand aus Eis enden, wie das Bild zeigt. Die Spur des Schneemobils vom Vortag ist plötzlich unter
einem Eisrücken verborgen. Wie auch Fritjof Nansen in seinem Tagebucheintrag berichtet, sind diese Eisbewegungen von
einer ganzen Palette unterschiedlicher Geräusche begleitet: Von quietschendem Aneinanderreiben dünner Schollen bis hin
zu tosendem Krachen, wenn sich dicke Brocken übereinander schieben. Diese faszinierenden Geräusche spornen unsere Wachsamkeit weiter an, wenn es darum geht, in sicherem Abstand von Rissen und Rücken in dieser beeindruckenden arktischen Umgebung zu arbeiten.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Di 28. Jan 2020, 19:44

Tag 131 – Dienstag 28. Januar 2020 - 4.583 km - -31,2 °C - Position N87°27 E95°39 - Quelle

Die MOSAIC-Teilnehmer des 3. Fahrtabschnitts haben einige intensive Tage mit letzten Trainingsmodulen und diversen Briefings in Tromsø hinter sich. Nun warten sie hochmotiviert und mit großer Spannung darauf, dass die Kapitan Dranitsyn ablegt. Der russische Eisbrecher wird auch das Team des kommenden Fahrtabschnitts zur Polarstern bringen und den nächsten Austausch von Wissenschaftlern, Logistikern und Schiffscrew ermöglichen. Wir wünschen unseren Teamkollegen eine gute und sichere Fahrt! Wir sehen uns im arktischen Eis!

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » Mi 29. Jan 2020, 18:17

Tag 132 Mittwoch 29. Jan. 2020 - 4.586km - -23,0°C - Position N87°28 E95°12 - Quelle

Wie haben nicht nur Unterwasserroboter (ROVs) für wissenschaftliche Zwecke, auch die Schiffscrew besitzt ein ROV, um Betrieb und Wartung zu unterstützen. Der Elektroniker Winfried (Winnie) Markert steuert dieses „Seebiber“ genannte, kleine und wendige Gerät. Er setzt es über den sogenannten Moonpool ins Wasser, eine 88 mal 93 Zentimeter große Öffnung im Rumpf, die vom Inneren des Schiffes bis zum Kiel 14 Meter tiefer reicht. Winnie fährt mit dem Seebiber unter dem Schiff entlang und nimmt Videos auf, die zeigen, wieviel Eis sich am Rumpf oder den Schrauben angelagert hat.

Eine wichtige Aufgabe ist es auch, das Loch im Eis zu begutachten, über das wir mit dem Schiffskran Netze und die große Bord-CTD neben der Polarstern ins Wasser lassen. Am CTD-Loch stehend ist im Wasser ein dicker Eisklotz zu erkennen, den wir schon mit großem Aufwand abschlagen wollten, da er die Geräte beschädigen könnte. Aus der Unterwasserperspektive sieht man, dass es sich um eine dicke Eisscholle handelt, die sich vermutlich beim Anlegemanöver unter das Eis geschoben hat. Diesen dicken Klotz werden wir nicht entfernen können, doch die Videos zeigen: Er ist stabil und wir müssen uns derzeit keine Sorgen darüber machen, dass er unser CTD-Loch verstopft.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Do 30. Jan 2020, 18:01

Tag 133 – Donnerstag 30. Januar 2020 - 4.595 km - -30,4 °C - Position N87°26 E96°31 - Quelle

Wir haben eine neue Boje installiert, die Fisch- und Zooplanktondaten erhebt, den sogenannten Akustischen Zoo-
plankton- und Fisch-Profiler (AZFP). Sie erfasst diese Tiere in der Wassersäule, indem sie akustische Signale aus-
sendet und ihre Reflexion misst wie ein Echolot. Wir haben sie einige hundert Meter vom Schiff und Fort Ridge
entfernt ausgebracht, damit es keine Interferenzen mit den dortigen Geräten gibt. Allerdings war es nicht ganz
einfach, das AZFP zu installieren, denn es wird normalerweise direkt vom Schiff mit dem Kran ins Wasser gesetzt,
so dass seine Abmessungen keine große Rolle spielen. Muss man das Gerät allerdings mehrere hundert Meter über
Eis und Schnee ziehen und es fernab von Kränen aufbauen, spielen sie eine Rolle. Team Ice hat das aber mit Bravour gemeistert: Wir transportierten das AZFP mit dem Schlitten übers Eis, bohrten ein großes Loch für die etwa 50 Kilo-
gramm schwere Unterwassereinheit, die wir mithilfe eines Tripods ins Wasser setzten. Anschließend haben wir die
Transponder installiert und schließlich die 150 Kilogramm schwere Oberflächeneinheit mit der Stromversorgung auf-
gestellt. Das Gesamtgewicht von 200 Kilogramm und die Höhe der Boje von 2,2 Metern machten die Namensgebung
leicht: das Monster!

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Fr 31. Jan 2020, 19:17

Tag 134 – Freitag 31. Januar 2020 - 4.603 km - -15,3 °C - Position N87°28 E96°16 - Quelle

Das heutige Bild ist nicht wirklich hübsch, zeigt aber die beeindruckenden Temperatursprünge, die wir die letzten Tage erlebt haben. Am frühen Morgen des 28. Januar erlebten wir mit -35,1 °C die bisher kälteste Temperatur. Dann stiegen die Werte innerhalb der folgenden 24 Stunden auf unsere „normalen“, ungefähr -25 °C an. Aber anstatt so zu bleiben, wurde es immer wärmer bis hin zu unserer maximalen Temperatur auf MOSAIC-Abschnitt 2: Quasi tropische -10,8 °C am Morgen des 30. Januar. Anschließend fiel das Thermometer aber innerhalb von nur 17 Stunden sofort wieder auf -35 °C. Stellt euch einen Temperatur-sturz von 25 °C auf 0 °C in dieser Zeitspanne vor! Die Erwärmung war begleitet von starkem Wind, tiefstehenden Wolken und Schneefall. Wir nehmen an, dass ein über uns durchziehendes Tiefdrucksystem warme Luft von Spitzbergen zu uns geführt hat und die Bewölkung mit ihrem Rückstrahlungseffekt zusätzlich zur Erwärmung beigetragen haben. Team Atmo ist schon dabei, die Daten der Lidar- und Radarmessungen der Wolken zu analysieren, um mehr über ihre Zusammensetzung aussagen zu können.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Sa 1. Feb 2020, 19:34

Tag 135 – Samstag 1. Februar 2020 - 4.620 km - -37,7 °C - Position N87°22 E95°48 - Quelle

Wir hatten versprochen über die Lebewelt in unserem Presseisrücken-Observatorium Fort Ridge zu berichten (App-Post vom 19.Januar) und jetzt können wir sagen: Ja, es gibt Eisalgen, Plankton und Fische, die in den Eislücken leben. Die Kamera unseres Unterwasserroboters ROV Beast hat sie eindeutig dokumentiert. Zusätzlich setzt Team Eis gemeinsam mit dem Öko wöchentlich Netze ein, die auf dem ROV angebracht sind, um diese Lebewesen direkt unter dem Eis zu fangen. Damit ist es uns gelungen, wertvolle Planktonproben zu nehmen, aber eine Art schafft es immer wieder, der Netzöffnung zu entkommen: Junge Polardorsche ärgern uns damit, dass sie vor unseren Kameras herumschwimmen und sich fotografieren und filmen lassen, aber niemals ins Netz gehen. Sie scheinen „Fang mich doch, wenn du kannst“ mit uns zu spielen!

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » So 2. Feb 2020, 17:55

Tag 136 – Sonntag 2. Februar 2020 - 4.631 km - -34,5 °C - Position N87°21 E94°25 - Quelle

Wir haben einen wöchentlichen Netz-Tag, an dem Team Eco in den oberen 2000 Metern Wasser unter uns Phyto- und Zooplankton fischt. Neben Bobs Copepoden (siehe App-Post vom 6. Januar), gibt es viele weitere Arten in den Fängen zu entdecken. Wir interessieren uns für die Artenvielfalt und Abundanz, daher werden die mikroskopisch kleinen, Zooplankton genannten Tiere auf ihre Art hin bestimmt und gezählt. Wir haben zwar keine wissenschaftliche Studie über die Besucher im Labor von Bob und Giulia angestellt, aber es scheint so, als würde deren Zahl mit zunehmender Exotik und Farbigkeit der Tiere unter ihrem Mikroskop ansteigen - und der orangefarbene Amphipode hat einige Menschen angelockt.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Mo 3. Feb 2020, 18:14

Tag 137 – Montag 3. Februar 2020 - 4.644 km - -17,5 °C - Position N87°26 E93°45 - Quelle

Wir nutzen die wertvolle Zeit an Bord so effektiv wie möglich. Trotzdem genießen wir unsere Freizeit, um von der Arbeit abzuschalten. Kinoabende, viele Spiele, Sport und Sauna sind beliebte Aktivitäten. Manchmal ist es auch schön, ein wenig Zeit für sich alleine zu haben, und viele von uns lesen gerne oder schauen Videos auf ihrer Kammer. Der Ingenieur Torben Rusch malt abends gerne, um sich zu entspannen - wobei offensichtlich ist, dass er sich auch dabei nicht ganz von der Polarstern trennen kann.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Anita » Di 4. Feb 2020, 13:38

Danke für die vielen spannenden Einträge ins Tagebuch :!:
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Di 4. Feb 2020, 20:51

Tag 138 – Dienstag 4. Februar 2020 - 4.655 km - -27,8 °C - Position N87°29 E95°20 - Quelle

Die Wetterbedingungen der letzten Tage in der Barentssee waren schwierig und zwangen die Teilnehmer von Fahrtabschnitt 3, im sicheren Fjord nördlich von Tromsø vor Anker zu gehen. Zwischen einem Hoch über Nordrussland und einem komplexen Tief über der norwegischen See befand sich in den letzten Tagen ein Starkwindfeld direkt vor der norwegischen Küste. In diesem konnten Wellen bis zu acht Metern auftreten, deutlich über den Limits der Kapitan Dranitsyn. Nach fünf Tagen vor Anker in Lauerstellung hat sich nun ein günstiges Zeitfenster eröffnet, um zur Eisgrenze zwischen Spitzbergen und Franz Josef Land vorzudringen und anschließend die optimalen Eisrinnen zu finden, die das Team des 3. Fahrtabschnitts an die Polarstern heranführen.

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