Folge der MOSAIC expedition

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » So 19. Jan 2020, 19:55

Tag 122 – Sonntag 19. Januar 2020 - 4.530 km - -30,3 °C - Position N87°24 E98°13 - Quelle

Um den Presseisrücken von Fort Ridge zu erfassen, haben wir zunächst die Laseraufnahmen aus der Luft
genutzt (siehe Post vom 4. Januar) und uns die Begebenheiten vor Ort angeschaut. Dann hat Team ICE quer
über den Presseisrücken Eis gebohrt und Kerne gezogen, sowie punktuelle elektromagnetische Messungen
durchgeführt und die Schneehöhen bestimmt. Erste Ergebnisse: Das Eis ist zwischen sieben und neun Meter
hoch aufgetürmt, so dass es sich anderthalb bis zwei Meter über die sonst relativ glatte Eisoberfläche erhebt,
der Rest befindet sich unter Wasser. Weil sich Blöcke unter und über das Eis geschoben haben, sind große Löcher,
sogenannte Makroporen entstanden. Nur wenn man weiß, ob das Eis kompakt ist oder solche Lücken hat, die mit
Wasser oder Schnee gefüllt sind, kann man später den Zuwachs beziehungsweise das Schmelzen des Eises genau
messen und beurteilen. Außerdem beeinflussen die Strukturen die Strömung des Wassers unter dem Eis und stellen verschiedene Lebensräume für Algen und Tiere dar. Davon berichten wir demnächst…

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Foto Polona Itkin
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Mo 20. Jan 2020, 18:49

Tag 123 – Montag 20. Januar 2020 - 4.538 km - -29,7 °C - Position N87°27 E97°11 - Quelle

Sonntagmorgen hat Marcus Huntemann vom Fernerkundungsteam bemerkt, dass die Sendeboxen eines auf dem Eis ausgebrachten Radiometers in unterschiedliche Richtungen zeigten. Sofort hat er die Aufnahmen einer in der Nähe
stehenden Kamera angeschaut, die alle fünf Minuten automatisch ein Foto aufnimmt. Darauf konnte er den Grund für
die Umgestaltung erkennen: Ein Eisbär hatte die Remote Sensing Station kurz nach Mitternacht besucht und unsere
Instrumente begutachtet. Glücklicherweise hat er sich ganz vorsichtig angenähert und nur eine Abdeckung abgerissen,
ohne weitere Installationen kaputt zu machen, und ist vorsichtig über alle Kabel geklettert. Das Logistik-Team hat die
Spur des Bären verfolgt, der von Osten ins MOSAIC-Camp gekommen ist, Met City und Remote Sensing besucht hat
und dann parallel zum neuen Stolperdraht an Ocean City vorbei gegangen ist. An der Dark Site haben die Logistiker die Spurensuche dann eingestellt. Dieser Eisbärenbesuch war für einige von uns überraschend und hat uns gezeigt, dass
wir auch mitten im Winter immer wachsam und gut vorbereitet sein müssen. Unsere Arbeiten blieben unbeeinflusst,
weil wir die Möglichkeiten haben, friedlich mit unseren pelzigen arktischen Nachbarn zusammen zu leben.

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Foto Automatik-Kamera
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Di 21. Jan 2020, 18:26

Tag 124 – Dienstag 21. Januar 2020 - 4.545 km - -29,1 °C - Position N87°29 E96°5 - Quelle

Der erste Offizier Spielke und Bootsmann Andreas Sedlak überprüfen regelmäßig die Eisanker. Obwohl die Polarstern im
Meereis eingefroren ist, wirken die Kräfte von Wind und Strömung. Abhängig von deren Richtung wird die Polarstern
entweder gegen die Scholle gedrückt oder zerrt an ihr. Letzteres führt zu Spannung auf die insgesamt sechs Eisanker,
weshalb wir diese kontrollieren müssen. Der heutige Check ergab fünf ordentlich sitzende Anker und einen, der Zuwendung brauchte. Neben dem 1,20 Meter messenden Stahlanker war eine kleine Lücke aufgetreten, die Steffen und Andreas mit
Schnee aufgefüllt haben und anschließend mit Wasser überschüttet haben – die arktische Alternative zu Beton. Dieser Mix
gefriert bei den aktuellen Temperaturen von -28 Grad Celsius nahezu sofort.

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Foto Folke Mehrtens
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Mi 22. Jan 2020, 18:09

Tag 125 – Mittwoch 22. Januar 2020 - 4.552 km - -27,4 °C - Position N87°28 E94°46 - Quelle

Wir besuchen unser Presseisrücken-Observatorium Fort Ridge regelmäßig mit dem Unterwasserroboter (ROV) namens
BEAST. Dieser ist mit zahlreichen Sensoren, Instrumenten und auch Kameras ausgestattet, die das Eis in einem Radius
von 250 Metern rund um das Einstiegsloch von der Unterseite vermessen. Die live Videoaufnahmen der Kamera helfen
uns zusätzlich dabei, die von der Eisoberseite ausgebrachten Installationen zu überprüfen. Ein Beispiel dafür ist die Temperaturkette, die Team Ice installiert hat, um den Temperaturverlauf von der Eisoberfläche durch den Presseisrücken
bis ins Wasser aufzuzeichnen. Ohne die Aufnahmen von dieser abgebildeten weißen Temperaturkette würden wir uns ver-
mutlich über die nicht stringenten Daten wundern, denn anstatt direkt durch das vertikale Bohrloch zu führen, hat sich die Temperaturkette bei der Installation einen eigenen Weg durch die Lücken gesucht, die bei der Bildung des Eisrückens durch
das Übereinanderschieben des Eises entstanden sind. So misst die Kette anstatt eines Temperaturprofils durch das Eis dort
die Temperatur des Umgebungswassers, welche ziemlich konstant um den Gefrierpunkt des Seewassers liegt.

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Foto Christian Katlein / ROV Beast
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Do 23. Jan 2020, 20:58

Tag 126 – Donnerstag 23. Januar 2020 - 4.559 km - -28,4 °C - Position N87°25 E93°42 - Quelle

Ihr werdet auf der MOSAIC-Expedition keine Polarlichter sehen, hat man uns vorher gesagt. Ihr seid zu weit nördlich
des Aurora-Ovals, in dem die Feldlinien des Erdmagnetfeldes die richtige Neigung haben. Aber als Hannes Griesche
und Dean Howard gestern zu den Messungen von Spurengasflüssen unterwegs waren, bemerkten sie schwache, wolken-
ähnliche Strukturen am Himmel, dies sich zu schnell bewegten, als dass es wirklich Wolken hätten sein können.
„Glücklicherweise hatten wir eine Kamera nebst Stativ dabei und konnten so ein paar Langzeitbelichtungsaufnahmen
machen“, berichtet Hannes. Die Fotos zeigen deutlich, dass es hier auf 87° 28‘ Nord Polarlichter gibt!

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Foto Hannes Griesche/Dean Howard
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Anita » Fr 24. Jan 2020, 12:42

Schade, dass sie dort oben keine Polarlichter mehr sehen.
Danke für die Updates, lieber Jochen [tschuess]
Anita
 

Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Fr 24. Jan 2020, 18:47

Tag 127 – Freitag 24. Januar 2020 - 4.563 km - -30,6 °C - Position N87°24 E93°0 - Quelle

Gestern Morgen haben wir auf den Aufnahmen des Schiffsradars subtile Deformationen der Scholle in der Nähe der Polarstern gesehen. Ein Logistik-Team ist aufgebrochen, um die Umgebung zu erkunden und kam mit der Nachricht zurück, dass sich ein 50 Meter breiter und 1 Kilometer langer Riss entlang einer Scherzone gebildet hat. Das war das langersehnte „Ereignis“: Die Chance Energie- und Gasflüsse zwischen Wasser, neugebildetem ebenso wie altem Eis und der Atmosphäre zu messen. Außerdem haben wir Proben genommen, um die Neubesiedlung des frisch entstehenden Meereises durch Algen und andere Lebewesen zu untersuchen. Also gab es nach dem Mittag ein kurzes Meeting und im Anschluss haben sich Vertreter aller wissenschaftlichen Teams dank guter Vorbereitung kurzfristig auf den Weg gemacht, um die offenen Wasserstellen, das neugebildete Eis und den Schnee sowie die Luft zu messen und beproben. Die Logistiker haben die Aktion erstklassig mit Transport und Eisbärwachen unterstützt. Außerdem gab es noch einen extra „Riss-Flug“ im Anschluss an den ohnehin geplanten Laserscanner-Messflug. Alles in allem ein großartiger interdisziplinärer Ansatz, um die Geheimnisse der winterlichen Arktis zu entschlüsseln.

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Foto Folke Mehrtens
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Anita » Sa 25. Jan 2020, 15:47

sehr interessant....
Anita
 

Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Sa 25. Jan 2020, 18:17

Tag 128 – Samstag 25. Januar 2020 - 4.565 km - -29,2 °C - Position N87°24 E92°51 - Quelle

Gestern war ein besonderer Tag für Team Ocean: Wir hatten ein 24-Stunden-Messprogramm in Ocean City. Das ist eine Ergänzung zu unseren täglichen Untersuchungen, die wir durchführen, um die physikalischen Eigenschaften des Wassers während der gesamten Driftroute durch den arktischen Ozean zu erforschen. Die 24-Stunden-Messungen erweitern unseren Datensatz um eine Dimension: die Variabilität von Temperatur, Salzgehalt, Sauerstoff, Trübung und, vor allem, turbulente Vermischung. Turbulenz tritt im Wasser sehr sporadisch auf. Kurzzeitige Messungen können deswegen oft die wenigen hohen Werte solcher Turbulenz nicht erfassen. Oder aber sie könnten, zeitlich nur kurz angesetzt, den falschen Eindruck vermitteln, es gäbe mehr davon, als das über längere Zeit tatsächlich der Fall ist. Turbulente Vermischung kann durch viele Umweltein-flüsse entstehen, z.B. durch Stürme. Andere Auslöser können eine sich ändernde Driftgeschwindigkeit des Eises sein oder auch eine offene Rinne im Eis in der Nähe. Da wir diese 24-Stunden-Messungen jeden Monat einplanen, können wir somit noch mehr dieser seltenen Ereignisse von Turbulenz innerhalb von 24 Stunden erfassen. Und so können wir sie auch mit Veränderungen in unserer Umgebung in Zusammenhang bringen. Team Ocean hatte alle anderen Expeditionsteilnehmenden mit den Worten „Stellt euch einen Nacht in Ocean City vor …“ eingeladen, während der vermutlich etwas einsamen Nachtschicht vorbeizukommen.

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Foto AWI / Folke Mehrtens
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » So 26. Jan 2020, 18:23

Tag 129 – Sonntag 26. Januar 2020 - 4.571 km - -24,8 °C - Position N87°25 E94°4 - Quelle

Die MOSAIC-Expedition ist eine großartige Gelegenheit für uns, die Aufmerksamkeit auf die Arktis zu lenken. Dement-
sprechend haben wir gerne die Einladung für ein Telefonat mit dem sogenannten Arctic Basecamp angenommen. Das ist
eine Initiative, die während des jährlich stattfindenden World Economic Forum in Davos Polarforschende und Jugendliche
in einem Camp zusammenbringt, um sich Wissen und Erfahrungen über den globalen Wandel und seine Auswirkungen auf
die Arktis zu teilen. Expeditionsleiter Christian Haas und Fernerkundungsspezialistin Julienne Stroeve haben die interes-
sierten Fragen der jungen Klimaaktivisten unterschiedlicher Länder – darunter Uganda, Brasilien, USA, Großbritannien,
China und Grönland – umfassend beantwortet, auch wenn die Telefonleitung das ein oder andere Mal abgebrochen ist.

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Foto Folke Mehrtens
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