Folge der MOSAIC expedition

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Eva » So 5. Jan 2020, 15:13

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » So 5. Jan 2020, 18:07

Tag 108 Sonntag 5. Januar 2020 – 4.402 km – Temperatur -28,8°C – Position N87°4 E115°19 - Quelle

Der Biologe Robert (Bob) Campbell ist Vater geworden: Er untersucht die Lebenszyklen von Copepoden. Dafür sammelte er diese kleinen Krebstiere dafür aus Netzfängen in der Wassersäule. Anschliessend sucht er nach „reifen“ Weibchen – also Tiere, in deren Innerem sich Eier entwickeln und die kurz vor der Eiablage sind – und setzt sie ein einzelne Schälchen, um sie weiter zu untersuchen. Es ist noch sehr früh in der Brutsaison, so dass viele der Tiere noch in einem Ruhezustand sind, der Diapause genannt wird. Dabei leben sie von ihren gespeicherten Fettreserven. Bob hat unter mehreren hundert untersuchten Tieren der Art Calanus hyperboreus aus den Netzfängen bereits zwölf reife Weibchen gefunden. Drei von ihnen haben jeweils rund 200-400 Eier abgegeben. Nun beobachtet Bob, wie sich die Eier weiter entwickeln, um den Anteil lebensfähiger Eier zu bestimmen und zu schauen, wie lange sie brauchen, um sich in dieser harschen Umgebung bis zum ersten fressenden Stadium zu entwickeln. Im Ozean unter dem Eis treiben die mit Lipiden gefüllten Eier aus dem Lebensraum der Weibchen in mehreren hundert Metern Wassertiefe an die Oberfläche. Dort ernähren sich die ersten Nauplius genannten Stadien von den Fettreserven, die die Mutter dem Nachwuchs mit auf den Weg gegeben hat. Um sich weiter entwickeln zu können, sind sie später auf Eisalgen angewiesen, die wiederum Sonnenlicht für ihr Wachstum benötigen. Die Sonne wird allerdings hier in der Zentralarktis erst im Frühling zurückkommen. Eine weitere Frage ist, wie häufig die Weibchen Eier abgeben und ob sie in der Lage sind, auch im Folgejahr nochmals zu reproduzieren, wenn sie selbst wieder gefressen und neue Lipidreserven angelegt haben.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Mo 6. Jan 2020, 23:25

Tag 109 – Montag 6. Januar 2020 - 4.407 km - -28,2°C - Position N87°6 E115°1 - Quelle

Fritjof Nansen berichtete im Jahr 1894 er „schwitzt wie ein Pferd“ in folgender Kleidung: Unterbeinkleider, Kniehosen, Strümpfe, Fries-Gamaschen, Schnee-socken und Finnenschuhen; die Bekleidung des Oberkörpers bestand aus einem gewöhnlichen Hemd, Kragen aus Wolfsfell und einer Robbenfelljacke. Auch unsere Körper bleiben hier bei der MOSAIC-Expedition in unseren roten Anzügen warm, aber wir fragen uns, ob Nansen den Schutz seiner Hände absichtlich verschwiegen hat? Sie sind nämlich - gemeinsam mit dem Gesicht - die Körperteile, die bei den geringen Temperaturen von nahezu -35°C und einer Windchill-Temperatur von -48°C am meisten leiden. Schließlich müssen wir für manche Arbeiten auf dem Eis unsere dicken Fäustlinge ausziehen. Einige nutzen daher Handwärmer, um die Finger zwischendurch aufzuwärmen. Und jeder passt draußen auf den anderen auf und schickt jemanden zum Aufwärmen in einen Unterstand, wenn und wo es möglich ist. Außerdem passen wir uns den anstrengenden Bedingungen an, indem wir kürzere Exkursionen planen als bei höheren Temperaturen.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Eva » Di 7. Jan 2020, 12:40

Ich schlottere schon beim Ansehen dieses Bildes und der Beschreibung [biggrins]
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Di 7. Jan 2020, 21:02

Tag 110 – Dienstag 7. Januar 2020 - 4.409 km - -28,0°C - Position N87°7 E115°4 - Quelle

Am Montag haben wir eine Beschädigung an unseren Außeninstallationen gefunden: Zwei Stromkabel eines Batteriesatzes und der Griff der Box, in dem dieser lagert, waren zerstört. Polona Itkin vom Team Eis berichtet: „Heute haben wir S1 [eine Station des Globalen Satelliten Navigationssystems – GNS] außer Betrieb gefunden, […] es klebten sogar ein paar weiße Haare daran!“ Letztere sind ein klarer Hinweis auf den Verursacher des Schadens: der Polarfuchs. Dieses hübsche, durchgehend weiße Tier hat hier auf der Scholle Ende Dezember einiges an Reparaturarbeiten hervorgerufen, als es an Daten- und Stromkabeln knabberte und so die meteorologischen Messungen in MET City vom Netzwerk getrennt und dort sowie an den Fernerkundungsgeräten jede Menge Schaden angerichtet hat. Wir haben es letztlich geschafft den Polarfuchs zu verscheuchen, nachdem wir zunächst den Eindruck hatten, er wolle nur mit uns spielen. Wir freuen uns, wenn uns nochmals eines dieser schönen Tiere besucht - dann aber bitte mit anderen Geschmacksvorlieben.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Mi 8. Jan 2020, 18:41

Tag 111 – Mittwoch 8. Januar 2020 - 4.411 km - -24,8°C - Position N87°6 E115°7 - Quelle

Weiter von der Zivilisation entfernt als die Internationale Raumstation ISS, hat ein Notfall-Evakuierungsplan für uns entscheidende Bedeutung. Ein wichtiges Element ist, dass wir bei Bedarf mit kleinen Flugzeugen wie einer Twin Otter erreichbar sein wollen. Daher haben wir vor kurzem nach potentiellen Landebahnen in Schiffsnähe gesucht, denn das minimiert den logistischen Aufwand, Mensch und Material dort hin zu schaffen. Außerdem kann die Polarstern dann Flugbewegungen mit Licht und Strom unterstützen. Die Präparierung einer solchen Landebahn verschafft uns zusätzlich
die notwendige Erfahrung, um eine wesentlich längere für die größeren Flugzeuge zu errichten, die im April den Personal-
austausch zwischen Abschnitt 3 und 4 durchführen sollen. Östlich der Polarstern haben wir anhand von Laserscans eine geeignete Stelle ausgemacht. Die elektromagnetische Vermessung bestätigte, dass das Eis hier durchgehend 1 Meter
dick ist. Entfernt man die wenigen Grate und Rippen, könnte diese Landebahn 400 Meter lang werden. Morgen erfahren
Sie, wie das vonstatten geht.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Do 9. Jan 2020, 18:04

Tag 112 – Donnerstag 9. Januar 2020 - 4.418 km - -27,8°C - Position N87°8 E114°3 - Quelle

Die Präparierung der Landebahn war der große Tag von Hannes Laubach, der sich mit seinem Pistenbully an diese Aufgabe machte. Schnell war eine 400 Meter lange und 25 Meter breite Fläche von Schnee und Eisbrocken befreit, die lediglich noch ein paar kleinere Löcher und Hügel von früheren Rissen beziehungsweise von Eisrücken hat. Der Pistenbully fuhr so flott und ausdauernd hin und her, dass wir uns Sorgen gemacht haben, Hannes würde nie wieder stoppen, weil er vom Landebahn-Fieber befallen ist. Glücklicherweise ist Landebahnfieber harmlos! Wir sind guter Dinge, dass wir in ein paar Wochen auch mit der großen Landebahn beginnen können. Unterdessen hoffen wir, die Notfall-Landebahn nie nutzen zu müssen.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Anita » Fr 10. Jan 2020, 15:07

Danke Dir lieber Jochen für die immer spannende Updates [tschuess]
Anita
 

Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » Fr 10. Jan 2020, 20:31

Tag 113 Freitag 10. Jan. 2020 - 4.428km - -32,3°C - Position N87°11 €112°18 - Quelle

Gegen Ende eines jeden Jahres veröfentlicht die Zeitschrift NATURE zwei Listen:

NATURE’S 10 ist eine Liste mit Persönlichkeiten, die in diesem Jahr in der Wissenschaft eine Rolle spielten.

„Ones to watch“ ist die zweite Liste. Hier werden die Namen von Menschen veröffentlicht, auf deren Arbeit man im kommenden Jahr besonders achten sollte. Für 2020 nennt NATURE fünf Personen, darunter Markus Rex als Leiter der MOSAIC-Expedition.

Markus Rex hat seinen ersten Abschnitt auf der Expedition beendest und wird Anfang April wieder an Bord sein.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » Sa 11. Jan 2020, 18:27

Tag 114 Samstag 11. Januar 2020 - 4.439km - Temperatur -30,5°C - Position N87°13 E110°52 - Quelle

Polarnacht ist nicht gleich Polarnacht: Momentan können wir mehr von unserer Eisscholle sehen als in den vergangenen Tagen, denn der Mond scheint hell und geht derzeit nicht unter.

Um Neumond herum bleibt dieser Himmelskörper im hohen Norden – ebenso wie die Sonne – teilweise unter dem Horizont verborgen. Daher hatten wir viele Tage ohne jeden Mondschein, der die einzige Quelle natürlichen Lichts in der Polarnacht darstellt.

Als Halbmond ist er jetzt jedoch wieder aufgegangen und wir haben die dadurch verbesserte Sicht begeistert für Exkursionen genutzt, die etwas weiter vom Schiff entfernt waren.

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