Waldbrände in Australien: Diesmal brennt es anders

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Waldbrände in Australien: Diesmal brennt es anders

Beitragvon UliS » Mi 15. Jan 2020, 17:35

Waldbrände in Australien: Diesmal brennt es anders

Klar, Feuer gibt es jedes Jahr. Aber nicht so. Die Australier erleben eine Brandsaison, die vielen erstmals Angst macht – und den Blick auf den Klimawandel verändert.
Von Vera Sprothen, Sydney

5. Januar 2020 - Quelle

Australien ist an Extreme gewöhnt. Fluten, Dürren, Wirbelstürme. Glutheiße Wüstentage im Landesinnern und im Süden eisige Winde, die von der Antarktis heraufziehen und das Meer vor Tasmanien für Seglerinnen und Segler unberechenbar machen. Man könnte sagen, Mensch und Natur leben hier seit Jahrtausenden in einem Ausnahmezustand. Extremes Wetter, das ist also zunächst nichts Ungewöhnliches.

Und auch Wildfeuer, wie Fachleute lieber sagen als Wald- oder Buschbrände, gibt es hier jede Saison. Doch das, was Australien – allen voran die Staaten New South Wales und Victoria – seit Monaten erlebt, hat eine neue Dimension erreicht.

Eine gigantische Fläche, größer als die Niederlande, ist seit September verbrannt. Zwar hat es in der Geschichte Australiens immer schon immense Feuer gegeben. Doch die diesjährigen Brände gelten auch unter Experten als beispiellos. Extrem ist, wie viele Siedlungen und Menschen betroffen sind und wie ungezügelt sich die Flammen entlang der gesamten bevölkerungsreichen Ostküste gerade ausdehnen.

Die Wetterstationen meldeten zuletzt Spitzenwerte von 40, teils sogar 50 Grad Celsius. Dieser Tage ist die Hitzewelle ein wenig zurückgegangen. Auch wenn fürs Wochenende vereinzelt etwas Regen angekündigt ist, rechnen Experten vom Bureau of Meteorology (BOM) bis Februar mit kaum Niederschlag. Laut Daten des Wetterdienstes war 2019 das bisher trockenste und heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Es war landesweit ganze 1,5 Grad Celsius wärmer als im Durchschnitt.

Die Feuersaison hat 2019 zudem außergewöhnlich früh und heftig begonnen. Die anhaltende Dürre, dazu der Wind – all das hat dazu geführt, dass ein Großteil der mehr als 200 Brandherde, die zurzeit entlang der Ostküste lodern, zu monströs geworden sind, um noch gelöscht zu werden. Feuerwehrleute konzentrieren sich deshalb auf die Siedlungen, die noch zu retten sind, und versuchen, die Feuer nicht bis dorthin durchkommen zu lassen. Die Flammen werden noch monatelang Nahrung finden, schätzt die Regierung. Auch wenn es da, wo das Feuer durchgezogen ist, nicht noch einmal brennen dürfte.

"Australien steht an einem Wendepunkt"

Viele Menschen in Australien – einem Land, dessen führende Politikerinnen und Politiker den Klimawandel gern als Erfindung von Großstadthipstern, Baumfreunden oder Vogelschützerinnen darstellen – hinterfragen nun erstmals öffentlich den offiziellen Regierungskurs. Was, wenn die Dürren, Fluten, Hitzewellen und Stürme in Australien tatsächlich dauerhaft immer extremer werden sollten, wie es Klimaforscherinnen und -forscher vorhersagen? Was, wenn die Folgen der durch den Menschen verursachten rasanten Veränderung des globalen Klimas längst im Hier und Jetzt spürbar sind – im brennenden Eukalyptuswald vor der Haustür?

"Australien steht an einem Wendepunkt", sagt Dale Dominey-Howes, ein Katastrophen- und Feuerforscher an der Universität Sydney im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Was wir gerade beobachten, hat mit dem Normalzustand nichts mehr zu tun. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was Australien in Zukunft erwartet."

Dominey-Howes beobachtet seit Jahren, dass sich Australiens Waldbrandsaison an keine Regeln mehr hält. Sie dauere länger und gehe früher los – in diesem Jahr um ganze zwei Monate. Üblicherweise regne es im Frühjahr, im Sommer brenne es hier oder dort, in hügeligen Waldgegenden öfter als im tropischen Norden.
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Re: Waldbrände in Australien: Diesmal brennt es anders

Beitragvon UliS » Mi 15. Jan 2020, 17:41

Seite 2/3: Selbst Regenwälder brennen jetzt

Im vergangenen Frühjahr aber blieb der Regen aus und jetzt brennt es überall. Selbst Regenwälder, die noch nie zuvor einen Funken gesehen haben, stehen in Flammen. So trocken ist es, dass Feuerwehrleute nicht einmal mehr Brandbeschleuniger brauchen, um Gegenfeuer zu legen. Es reicht, ein Feuerzeug an ein staubtrockenes Eukalyptusblatt zu halten.

Die fortschreitende weltweite Veränderung des Klimas sei für das Inferno mitverantwortlich, sagt Dominey-Howes. Zwar spielten auch andere Faktoren eine wichtige Rolle, etwa Australiens starkes Bevölkerungswachstum und eine relativ ungezügelte Bebauungspolitik. Doch eine beispiellose Dürre habe das Land derart ausgetrocknet, dass es jetzt weitflächig wie Zunder brennt.

Unsere Extreme werden extremer.

"Wir wussten, dass die Feuersaison verheerend werden würde", sagt Richard Thornton, Chef des australischen Forschungszentrums für Buschfeuer und Naturkatastrophen, einer vom Staat finanzierten Einrichtung. Einzelne Waldbrände, Wirbelstürme oder Fluten könne man zwar nicht direkt dem Klimawandel zuschreiben, aber er verändere die Rahmenbedingungen und verschärfe die Wetterlage, sagt Thornton. "Unsere Extreme werden extremer."

Nicht nur war das Jahr 2019 außergewöhnlich trocken – hinzu kommt auch, dass die Dürre dieses Mal nicht mit dem Klimaphänomen El Niño (siehe Kasten) zusammenfällt. Stattdessen beherrscht ein Strömungsmuster im Ozean zwischen Afrika und Indonesien, der Indischer-Ozean-Dipol, das Wetter über den australischen Brandgebieten. Dieser Strom saugt warmes Meerwasser von Australiens Westküste weg und führt dazu, dass sich weniger Regenwolken über dem Festland bilden.

El Niño
El Niño
La Niña

El Niño ist ein globales Wetterphänomen, das alle drei bis sieben Jahre auftritt. Auf Deutsch bedeutet El Niño "der Junge", aber auch "das Christkind". Der spanische Name rührt daher, dass El Niño, die Erwärmung des tropischen Pazifiks, in der Regel um Weihnachten herum ihren Höhepunkt hat.

Aus bislang weitgehend ungeklärten Gründen kommt es dabei zu einer Erhöhung des Luftdrucks über Südostasien und dem westlichen Pazifik, während er im östlichen Pazifik sinkt. Starke Regenfälle und Überflutungen in Teilen Südamerikas sind die Folge. Die Regenwaldregionen auf der Rückseite der Anden dagegen leiden unter Trockenheit.

Ohnehin wird Australiens Klimazukunft stark vom Meer bestimmt. Die Wassertemperatur in den Ozeanen um den Kontinent herum hat sich in den vergangenen 110 Jahren im Schnitt um ein Grad Celsius erhöht, genauso wie die Lufttemperatur, schreibt der Wetterdienst BOM in seinem jüngsten Klimabericht. Selbst derart klein klingende Veränderungen können Naturkatastrophen künftig verstärken. Der Meeresspiegel steigt bereits jetzt messbar, Hitzewellen nehmen zu. Der Regen über dem Süden Australiens werde künftig öfter ausbleiben, im Norden dafür umso heftiger fallen, sagen die Meteorologen.

"Viele australische Küstenstädte können sich darauf gefasst machen, dass sie das, was früher als Jahrhundertflut galt, gegen Mitte dieses Jahrhunderts mindestens einmal im Jahr erleben werden", schrieben Vertreter des wichtigsten australischen Forschungsinstituts CSIRO erst vor wenigen Monaten. Da hatte der Weltklimarat IPCC gerade neue düstere Prognosen zum globalen Anstieg der Meeresspiegel veröffentlicht.

Bereits 2015 hatten die führenden Klimaforscherinnen und Klimaforscher des Landes gewarnt, dass sich Australien bis 2090 stärker erwärmen werde als der Rest der Welt – um bis zu 5,1 Grad Celsius, sofern die Regierung nicht ihre Treibhausgasbilanz verbessere. Die zunehmende Hitze in Australien sei mit hoher Wahrscheinlichkeit dem menschengemachten Klimawandel zuzuschreiben, sagten sie damals schon.

Die Regierung sieht sich indes nicht in Verzug. Ministerpräsident Scott Morrison, ein lautstarker Befürworter der Kohleindustrie, sagte auf einer Pressekonferenz Mitte der Woche, er stehe für eine "vernünftige Politik", die die Bedürfnisse von Wirtschaft und Umwelt ausbalanciere. Fragen, was die Regierung konkret tun wolle, um Australien langfristig vor Naturkatastrophen infolge des Klimawandels zu schützen, wich Morrison aus.

In den niedergebrannten Ortschaften sind viele betroffene Menschen empört. Angesichts der Feuer halten selbst konservative Stammwählerinnen und Stammwähler Morrisons Kurs inzwischen für verfehlt. Die Stimmen derjenigen, die den Einfluss der Industrie auf das Klima noch immer leugnen wollen, werden leiser – oder weniger ernst genommen.

Einem Klimakrisengipfel, den eine Gruppe ehemaliger Feuerwehreinsatzleiter schon im Dezember anberaumt hatte, blieb der Ministerpräsident fern. Er fuhr lieber in den Urlaub. Kurz darauf ließ er sich mit Flipflops und Bier auf Hawaii fotografieren sowie beim Baden mit der Familie in Sydney.

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Re: Waldbrände in Australien: Diesmal brennt es anders

Beitragvon UliS » Mi 15. Jan 2020, 17:49

Seite 3/3: Australien zählt beim Klimaschutz zu den Schlusslichtern weltweit

Während Zehntausende Sommerurlauberinnen im dichten Rauch mit Gasmasken aus den Brandgebieten flohen und Feuerwehrkräfte Tote aus Häusern bargen, lud Morrison zu einer vergnügten Gartenparty mit der Cricket-Nationalmannschaft. Während eines Besuchs im verwüsteten Städtchen Cobargo, in dem es an Wasser und Lebensmitteln fehlt, weigerten sich Anwohner daraufhin, dem Regierungschef die Hand zu schütteln, und riefen ihm Schmähparolen zu.

Auch führende Wissenschaftler ärgern sich, nachdem Bundesenergieminister Angus Taylor in der Tageszeitung The Australian zu Silvester einen Meinungsartikel veröffentlichte, in dem er schrieb, Australier könnten stolz darauf sein, dass ihr Land bisher sämtliche Klimaziele übertroffen habe.

"Atemberaubend, so etwas an einem Tag des nationalen Feuernotstands zu veröffentlichen", entgegnete Frank Jotzo, Klimaforscher an der Australian National University und Mitautor mehrerer IPCC-Klimaberichte, auf Twitter. Er warf dem Energieminister vor, sich nur die besten Zahlen herausgepickt zu haben, um Australiens Bilanz zu schönen.

Tatsächlich gilt Australien laut dem jüngst veröffentlichten Klimabericht Brown to Green, den die deutsche Bundesregierung mitfinanziert, als ein Schlusslicht in der globalen Klimapolitik. Das Land ist weltgrößter Kohleexporteur und Pro-Kopf-Emittent von CO2.

Victor Steffensen, ein Aborigine und Feuerforscher, glaubt zu wissen, wie sich katastrophale Waldbrände dauerhaft beenden ließen. Er reist seit fast 30 Jahren vom abgelegenen Nordzipfel des Kontinents bis hinunter ins kühle Tasmanien. Sein Ziel: das Wissen der Ureinwohner stärker verbreiten, die seit Jahrtausenden aktiv mit dem Feuer leben.

Steffensen wirft den Verantwortlichen vor, das Land, das jetzt zu Teilen in Flammen steht, jahrelang nicht gepflegt zu haben. Fremde Pflanzen hätten einheimische Arten verdrängt und Wälder in ein schlimmes, hochentzündliches Dickicht verwandelt. Traditionell brennen Aborigines solches Unterholz regelmäßig ab, um größeren Feuern den Zündstoff zu entziehen. Westliche Behörden hätten dies nicht ausreichend getan, sagt Steffensen: "Es war eine Zeitbombe, die nur darauf wartete hochzugehen."

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Re: Waldbrände in Australien: Diesmal brennt es anders

Beitragvon Anita » Fr 17. Jan 2020, 15:52

Eigentlich ist es schon viel zu spät für Einsicht und Veränderung .
Das macht mich traurig und wütend zugleich .....
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